Fenris Creations hat Áslaug Arna Sigurbjörnsdóttir zur Senior Director of AI Partnerships ernannt. Die frühere isländische Justizministerin und ehemalige Ministerin für Hochschulbildung, Wissenschaft und Innovation soll Partnerschaften mit KI-Forschungslaboren, Universitäten, politischen Entscheidungsträgern und strategischen Partnern aufbauen. Im Zentrum steht eine neue Forschungsinitiative rund um EVE Frontier.

Fenris Creations ist der neue Name des Studios, das bis Mai 2026 als CCP Games firmierte. Nach der Trennung vom bisherigen Eigentümer Pearl Abyss arbeitet das Unternehmen wieder unabhängig; Teams, Führung und Spieleportfolio wurden nach Unternehmensangaben beibehalten. Google beteiligte sich im Zuge der Transaktion als Minderheitsgesellschafter.

Sigurbjörnsdóttir war von 2019 bis 2021 isländische Justizministerin und anschließend bis 2024 für Hochschulbildung, Wissenschaft und Innovation zuständig. Bei Fenris soll sie nun die Schnittstelle zwischen Spieleentwicklung, KI-Forschung und Politik betreuen. Ihre politische Erfahrung dürfte vor allem dort gefragt sein, wo Forschungskooperationen, regulatorische Erwartungen und der praktische Einsatz autonomer Systeme aufeinandertreffen.

EVE Frontier als Testumgebung für autonome Agenten

Fenris will mit der Initiative eine Hypothese überprüfen: Eine beständige virtuelle Welt mit menschlichen Teilnehmern, wirtschaftlichen Systemen und langfristigen Folgen könnte komplexeres Verhalten autonomer KI-Agenten sichtbar machen als eine kurz laufende Simulation mit klar definiertem Endzustand.

In EVE Frontier sollen solche Systeme nach Darstellung des Unternehmens eigene Ziele verfolgen, auf Veränderungen reagieren und über längere Zeiträume zusammenhängende Entscheidungen treffen. Die Agenten würden dabei nicht nur mit einer künstlichen Umgebung, sondern auch mit menschlichen Spielern und einer von ihnen beeinflussten Wirtschaft interagieren. Fenris erhofft sich davon Erkenntnisse zu langfristiger Planung, Kooperation, Konkurrenz und Fehlentscheidungen.

Die Idee baut auf den Erfahrungen des EVE-Universums auf. EVE Online betreibt seit mehr als zwei Jahrzehnten eine von Spielern geprägte Wirtschaft mit Handel, Produktion, Rohstoffmärkten, Allianzen und Konflikten. Entscheidungen können über lange Zeit nachwirken, weil Vermögen, Beziehungen und Reputation nicht nach jeder Partie zurückgesetzt werden. Gerade diese soziale und wirtschaftliche Unberechenbarkeit will Fenris als Forschungsumgebung nutzbar machen.

Allerdings befindet sich EVE Frontier weiterhin in Entwicklung. Die derzeitigen Founder-Access-Zyklen dienen dem Test neuer Systeme und können Server-Resets enthalten. So begann Cycle 6 laut Fenris mit einer vollständigen Zurücksetzung des Spielservers. Der Anspruch einer dauerhaft beständigen Forschungsumgebung beschreibt daher zunächst das langfristige Ziel und noch keinen durchgehend laufenden heutigen Zustand.

DeepMind-Partnerschaft ist ein separates Forschungssetup

Fenris hatte bereits im Mai 2026 eine Forschungspartnerschaft mit Google DeepMind angekündigt. Diese konzentriert sich auf Intelligenz in komplexen, dynamischen Systemen und soll unter anderem langfristige Planung, Gedächtnis und kontinuierliches Lernen untersuchen. Laut der damaligen Mitteilung arbeitet DeepMind dafür mit einer Offline-Version von EVE Online, die auf einem lokalen Server in einer kontrollierten Umgebung läuft.

Dieses bereits angekündigte Setup ist nicht mit der nun beschriebenen Vision für EVE Frontier gleichzusetzen. Fenris berichtet zwar von einem gemeinsamen zweitägigen Workshop und inhaltlichen Überschneidungen. Welche Rolle DeepMind konkret in der neuen Frontier-Initiative übernimmt, geht aus der aktuellen Ankündigung jedoch nicht hervor.

Offen bleiben auch zentrale praktische Fragen: Das Unternehmen nennt bislang weder einen Zeitplan noch teilnehmende Forschungsinstitutionen, konkrete Versuchsdesigns oder Regeln für den Kontakt zwischen KI-Agenten und Spielern. Ebenfalls nicht erläutert wird, welche Daten Forschende erhalten, wie menschliche Teilnehmer informiert werden und welche Sicherheitsmechanismen für unerwünschtes Verhalten vorgesehen sind.

Damit ist die Initiative vorerst vor allem ein Forschungs- und Partnerschaftsvorhaben. Ihr Potenzial liegt in einer Umgebung, die technische Modelle nicht isoliert, sondern mit unvorhersehbarem menschlichem Verhalten und einer fortlaufenden Ökonomie konfrontiert. Genau diese Offenheit erschwert jedoch kontrollierbare Experimente und verlangt klare Regeln für Transparenz, Datenschutz, Sicherheit und Eingriffe in das Spielerlebnis.

Fenris-CEO Hilmar Veigar Pétursson sieht beständige virtuelle Welten als mögliches nächstes Testfeld der KI-Forschung. Sigurbjörnsdóttir betont ihrerseits, sie wolle ihre politische Erfahrung einbringen und zu sicheren, praktischen und verlässlichen KI-Standards beitragen. Ob EVE Frontier tatsächlich belastbare Erkenntnisse für reale autonome Systeme liefern kann, wird sich erst zeigen, wenn Fenris Forschungsfragen, Partner und methodische Rahmenbedingungen konkretisiert.

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RedaktionRedaktion GameBiz