Fenris Creations öffnet seine Technologieplattform Carbon vollständig für die Öffentlichkeit. Das plattformübergreifende Game-Engine-Framework, das unter anderem die technische Basis von Eve Online und Eve Frontier bildet, ist ab sofort als Open Source verfügbar. Für das Unternehmen ist das ein strategischer Schritt mit Signalwirkung, denn Carbon wurde über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg speziell dafür aufgebaut, persistente Online-Welten im großen Maßstab zu betreiben.
Die Engine ist eng mit der Geschichte von Eve Online verknüpft. Carbon bildet die Grundlage für das Single-Shard-Universum des MMO, für seine von Spielerinnen und Spielern geprägte Wirtschaft und für einige der größten Massenschlachten der Games-Geschichte. Dazu zählt auch die bekannte PvP-Schlacht mit 8.825 Teilnehmenden, die einen Guinness-Weltrekord aufstellte. Die nun freigegebene Technologie wurde laut Fenris Creations genau für solche Anforderungen entwickelt – für Geschwindigkeit, Skalierbarkeit, Stabilität und jahrzehntelangen Live-Betrieb.
Zum Open-Source-Release gehören inzwischen mehr als zwei Dutzend Carbon-Module. Dazu zählt unter anderem Destiny, das Physik- und Pathfinding-System der Engine, das für die groß angelegten Gefechte in Eve Online mitverantwortlich ist. Ebenfalls enthalten ist Trinity, das Grafikmodul von Carbon, das die visuelle Science-Fiction-Ästhetik der Spiele trägt. Hinzu kommen weitere Komponenten für Netzwerktechnik, Benutzeroberflächen, Audio, Asset-Management, Scripting, Scheduling und zentrale Tools zum Aufbau skalierbarer Online-Erfahrungen.
Ben Hunter, Senior Development Director für Kerntechnologie bei Fenris Creations, beschreibt die Öffnung als bewusste Entscheidung für Transparenz und Langfristigkeit. Carbon sei für lebendige virtuelle Welten entwickelt worden, die über Jahrzehnte bestehen können. Mit der Open-Source-Veröffentlichung wolle das Unternehmen diese Grundlage sichtbar und für andere nutzbar machen. Dahinter steht erkennbar auch die Überzeugung, dass die nächste Generation persistenter Online-Welten davon profitiert, wenn mehr Entwicklerinnen und Entwickler die zugrunde liegende Technologie verstehen, prüfen und weiterentwickeln können.
Aus technologischer Sicht unterscheidet sich Carbon von vielen anderen Engines dadurch, dass sie nicht primär als breit lizenzierbares Standardprodukt entstand. Stattdessen wurde sie innerhalb eines laufenden Studios und unter realen Produktionsbedingungen entwickelt, um die Anforderungen von Eve Online und später weiterer Projekte im eigenen Portfolio zu erfüllen. Genau darin liegt auch der Reiz des Releases: Open Source wird hier nicht als Experiment oder Marketingmaßnahme präsentiert, sondern als Öffnung einer Engine, die ihren großflächigen Einsatz bereits über Jahre unter Beweis gestellt hat.
Fenris Creations stellt die Veröffentlichung zudem in einen größeren Zusammenhang. Die Community rund um Eve Online hat sich über Jahrzehnte hinweg stark an der Infrastruktur des Spiels beteiligt – etwa durch externe Tools, öffentliche APIs, Wirtschaftsanalysen, Logistiksysteme für Allianzen oder andere von Spielerinnen und Spielern gebaute Dienste. Die Öffnung von Carbon soll diese Philosophie nun noch stärker auf die technologische Basis ausweiten und Entwickler, Forschenden und Community-Mitgliedern direkten Zugang zu den Fundamenten geben, auf denen diese Welten laufen.
Für das Unternehmen selbst bleibt Carbon zugleich weiterhin das Rückgrat der eigenen Projekte. Neben Eve Online gilt das insbesondere für Eve Frontier, das sich derzeit in Entwicklung befindet. Dort soll die offene Technologie eine noch stärker modifizierbare, von Spielerinnen und Spielern geprägte virtuelle Welt ermöglichen, in der auch externe Entwickler Systeme, Werkzeuge und Erlebnisse schaffen können, die dauerhaft innerhalb des Spiels bestehen.
Für die Branche ist der Schritt vor allem deshalb interessant, weil er ein seltenes Modell sichtbar macht. Während viele große Engines vor allem auf breite Marktdurchdringung, Lizenzmodelle oder geschlossene Ökosysteme setzen, öffnet Fenris Creations ein Framework, das auf persistente, komplexe Online-Welten mit langer Lebensdauer ausgelegt ist. Damit könnte Carbon insbesondere für Studios, Forschende und technisch orientierte Entwicklerteams relevant werden, die sich mit skalierbaren Online-Systemen, langfristigem Weltbetrieb und emergenten Spielstrukturen beschäftigen.
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